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Sicher unterwegs in der Dunkelheit

(c) Lightpoet | Dreamstime.com

„Ich lief an einer Landstraße, als ein LKW neben mir abbremste und mir zurief: ‚Hey, geiler Arsch, steig doch endlich ein!‘.“ „Ich trug beim Laufen ein Ironman-Shirt und wurde von einem fremden Mann gefragt, ob ich im Bett auch so hart rangehen würde wie beim Training.“ „Im Dunkeln bin ich vor einem Angreifer weggelaufen.“ „Ich wurde beim Lauftraining plötzlich an den Haaren gepackt und man hat versucht, mich ins Gebüsch zu ziehen. Ich konnte mich zum Glück losreißen.“

Das sind nur vier der Situationen, die zahlreiche Frauen mit uns geteilt haben. Sie zeigen klar, dass sich das Thema Sicherheit nicht nur auf eine leistungsstarke Stirnlampe und gut sichtbare Kleidung bezieht. Sportlerinnen sind häufig mit einem mulmigen Gefühl auf der Laufstrecke unterwegs oder kehren mit einem solchen vom Training zurück. Die Auslöser dafür sind einerseits sexistische Kommentare und Gesten, wie sie Frauen gegenüber regelmäßig, und nicht nur beim Training, geäußert werden. Im schlimmsten Fall sind es sexuelle Übergriffe, die die Betroffenen nachhaltig beeinflussen und den Spaß am Sport trüben. Durch bestimmte Maßnahmen und Verhaltensregeln können sich Frauen beim Training und im Alltag schützen und verteidigen.

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Keine Einzelfälle

Die genannten Beispiele sind keine Einzelfälle. Die Kriminalstatistik des Bundeskriminalamts (BKA) aus dem Jahr 2019 zeigt, dass von insgesamt 9.523 Opfern von Sexualstraftaten 8.957 weiblich waren. Die Aufklärungsquote der Fälle lag bei 84,5 Prozent. Personen, die mehrfach Opfer werden, tauchen in der Statistik auch mehrfach auf. Zu Sexualdelikten werden Vergewaltigung, sexuelle Nötigung und sexuelle Übergriffe gezählt. Die Dunkelziffer dürfte um ein Vielfaches höher als die erfasste Anzahl sein. „Straftaten sexueller Natur werden verhältnismäßig selten oder viel zu spät angezeigt. Die Frauen haben Angst, sich zu offenbaren, und schämen sich“, sagt Madeline Behr, Polizeikommissarin im Einsatz- und Streifendienst in Niedersachsen. „Frauen suchen häufig erst die Schuld bei sich selbst und denken, dass sie bestimmt etwas falsch gemacht haben müssen und sie nur deshalb in eine bestimmte Situation geraten sind. Sie melden sich meist erst, wenn der Leidensdruck zu groß wird“, so Behr. Das sei besonders häufig bei häuslicher Gewalt zu beobachten, die sich regelmäßig wiederholt. Marina Bruns, Polizeioberkommissarin mit jahrelanger Erfahrung im Einsatz- und Streifendienst, bestätigt diese Einschätzung. „Viele Menschen, nicht nur Frauen, bagatellisieren ihr Anliegen und denken, es sei nicht wichtig genug, um es der Polizei zu melden. Das gilt besonders für vermeintlich kleinere Strattaten wie eine Beleidigung oder Nötigung“, sagt Bruns. Doch auch bei schwerwiegenden Vergehen werde häufig lange geschwiegen, manchmal für immer.

Eine Athletin, die anonym bleiben möchte, erzählt: „Ich wurde beim Laufen unverfänglich von einem Mann angesprochen, der nach dem Modell meiner Schuhe fragte, weil er auch Läufer sei. Ich traf ihn wie zufällig mehrfach an fast derselben Stelle wieder, wir liefen ein paar Kilometer zusammen und unterhielten uns auch über private Details, aber immer sehr oberflächlich. An einem Morgen traf ich ihn wieder und ohne viel Gerede warf er mich zu Boden und verging sich an mir. Ich weiß natürlich, dass es sich um eine Straftat handelt, die verfolgt werden müsste, doch ich habe das nie zur Anzeige gebracht.“ Sie habe den Vorfall ungeschehen machen wollen. Danach folgten Schuldgefühle und Scham, alle Details bei einer Anzeige erläutern zu müssen. Was nicht angezeigt wird, kann jedoch auch nicht aufgeklärt werden. Die Kommissarinnen betonen, dass es bei einer Anzeige, die erst Stunden oder Tage später erfolgt, kaum noch möglich sei, den Täter zu ermitteln. „Ich erinnere mich nur an einen einzigen Fall, bei dem der Täter noch nach mehreren Tagen gestellt werden konnte – weil er an der bekannten Stelle bereits auf sein nächstes Opfer gewartet hat“, berichtet Marina Bruns. Insbesondere bei schwerwiegenden Straftaten gingen wichtige Spuren verloren. Deshalb sollten alle Sachverhalte, bei denen man sich unwohl fühlt oder Angst hat, sofort der Polizei gemeldet werden.

Starke Verteidigung

In einer ähnlichen der eingangs geschilderten Situationen können Frauen einige Tipps beherzigen, um einen Angreifer abzuschrecken. „Das Wichtigste ist ein selbstbewusstes Auftreten. Tendenziell suchen sich Täter ein Opfer, bei dem sie glauben, leichtes Spiel zu haben“, sagt Madeline Behr. Bei einem unangenehmen Kommentar „im Vorbeigehen“ seien die meisten Frauen dann dennoch so perplex und schockiert, dass sie gar nicht reagieren würden und die Person im nächsten Moment verschwunden sei. „Wenn es zu einem ungewollten Körperkontakt kommt, muss laut und klar kommuniziert werden, dass man das nicht will. Frauen können laut auf sich und die Situation aufmerksam machen, eventuell um Hilfe schreien und andere Personen involvieren“, so Behr. Wichtig sei dabei eine gezielte Ansprache: „Du in der blauen Jacke, bitte hilf mir!“ Anderenfalls sei es häufig der Fall, dass sich niemand angesprochen fühle und nichts mit der Situation zu tun haben wolle.

Hilfreich sei ein Taschenalarm. Dieser kann in der Jackentasche verstaut oder am Schlüssel befestigt werden. Er erzeugt einen extrem lauten Ton, was einen Täter in die Flucht schlagen kann, mindestens jedoch Aufmerksamkeit erregt. Von Tierabwehrspray, besser bekannt als Pfefferspray, rät die Kommissarin ab: „Man muss sehr sicher im Umgang damit sein, das kann man aber im Vorfeld nicht üben. Wenn die Handgriffe nicht sitzen und es falsch benutzt wird, kann das Spray leicht gegen das Opfer verwendet werden.“ Wenn eine Frau es mit dem Einsatz übertreibe, könne sie selbst sogar am Ende wegen Körperverletzung verurteilt werden. Das bekräftigt auch Marina Bruns: „Der Umgang mit Waffen aller Art, wozu auch Pfefferspray und Schreckschusspistolen zählen, ist nicht nur hochgradig gefährlich, sondern teilweise verboten. Eine offensive Verteidigung sollte zunächst nur auf verbaler Ebene stattfinden“, sagt sie. Das gilt auch für unbeteiligte Beobachter. Hier ist Zivilcourage gefragt. Wer Zeuge einer unangenehmen Situation wird, sollte proaktiv einschreiten und nicht erst darauf warten, dass um Hilfe gerufen wird. Zunächst genügt es, auf die Frau zuzugehen und zu fragen, ob alles in Ordnung sei. „Auf keinen Fall sollte man den Täter körperlich angreifen oder gewaltsam festhalten. Er könnte bewaffnet sein“, sagt Bruns. Madeline Behr hat noch einen Tipp: „Als Zeuge kann man so tun, als würde man das Opfer kennen. Ein ‚Hey, du bist ja heute früh dran‘ schüchtert den Täter ein. Diesen sollte man sich dann möglichst genau einprägen“, sagt sie. Im öffentlichen Raum könne man auch ein Foto oder Video machen.

Keine Panik

Neben einem angemessenen Verhalten zur Verteidigung können Frauen, insbesondere Sportlerinnen im Trainingsalltag, einige Punkte beachten, um sich zu schützen. Verabrede dich mit einer Freundin, einem Freund oder Vereinskollegen zum gemeinsamen Training. Das bringt den weiteren Vorteil mit sich, dass ihr euch gegenseitig motivieren und durch eine harte Einheit pushen könnt. Madeline Behr, die selbst ambitionierte Triathletin ist, läuft berufsbedingt meistens allein. „Durch den Schichtdienst kann ich mein Training meistens so legen, dass ich im Hellen unterwegs bin. Trainingspartner haben da meistens gar keine Zeit und ich möchte mich auch nicht von einer Gruppe abhängig machen. Diese Flexibilität ist ja das Schöne beim Laufen“, erzählt sie. Im Herbst und Winter überwiegt jedoch die Dunkelheit. Für jeden, der nicht in der Mittagspause trainieren kann, fällt das Training zwangsläufig in diese Zeit. In diesem Fall solltest du belebte Strecken wählen.

„Das muss nicht die Hauptverkehrsstraße sein. In einem beleuchteten Park oder auf einer anderen beliebten Laufstrecke, wie es sie in den meisten Städten gibt, ist man nie allein“, sagt Marina Bruns. Sie rät zudem davon ab, mit Musik zu laufen. „Das gibt zwar manchmal das letzte bisschen Power und lenkt von der Anstrengung ab. Aber eben auch von allem anderen, die Umgebung wird weniger wahrgenommen und man wird unaufmerksam.“ Entscheidend sei das Gefühl von Sicherheit, selbst wenn dieses nur subjektiv wahrgenommen werde. Daran kannst du gezielt arbeiten, indem du beispielsweise lernst, dich im Notfall zu verteidigen. „Selbstverteidigungskurse sind eine super Sache“, sagt Madeline Behr. „Wer darüber nachdenkt, sollte das unbedingt machen. Man kann davon auf jeden Fall profitieren und wenn es nur dazu führt, dass man ein selbstbewusstes Auftreten an den Tag legt.“

Als Athletin hast du allen Grund, selbstbewusst durchs Leben zu gehen. Traue dich, das auch auszustrahlen.

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Anna Bruder
Anna Bruder
Anna Bruder wurde bei triathlon zur Redakteurin ausgebildet. Die Frankfurterin zog nach dem Studium der Sportwissenschaft für das Volontariat nach Hamburg und fühlt sich dort sehr wohl. Nach vielen Jahren im Laufsport ist sie seit 2019 im Triathlon angekommen und hat 2023 beim Ironman Frankfurt ihre erste Langdistanz absolviert. Es war definitiv nicht die letzte.
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