Big Island by bike:
Abenteuer pur bei Hawaii-Umrundung mit dem Rad

Exotische Reisen sind in diesem Jahr äußerst unwahrscheinlich, Abenteuer und extreme sportliche Herausforderungen liegen jedoch voll im Trend. Die Reportage über die Hawaii-Umrundung von Jochen Dembeck sorgt für Fernweh und Inspiration zugleich.

Hawaii ist für Jochen Dembeck so etwas wie eine zweite Heimat. Hier hat er viele Rennkilometer gesammelt und verrückte Dinge angestellt. Seine neuste Idee: mit dem Rennrad um die ganze Insel, 420 Kilometer ohne Pause.

Dass der Pier von Kailua-Kona um kurz vor 3:00 Uhr nachts ein verlassener Ort ist, gilt sogar für die Tage des Wahnsinns im Oktober, wenn die Ironman-Weltmeisterschaft das Leben an der Westküste
von Big Island komplett regiert. Hier und da mal ein Athlet mit Jetlag, der sein Bett verlassen hat, um sich müde zu laufen, aber das war’s dann auch. Jetzt hingegen, Anfang Dezember, wirft es umso mehr Fragen auf, wenn sich ein Triathlet unter dem berühmten Banyan Tree freudig fokussiert auf einen großen und überaus langen Tag vorbereitet. Zum Beispiel: „Was macht der Mann da?“

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Der Mann heißt Jochen Dembeck und ist tatsächlich Triathlet. Doch heute ist für ihn kein Dreikampf angesagt. Das, was sich Jochen vorgenommen hat, wird ihn länger beschäftigen als eine Langdistanz – eine Inselumrundung mit dem Fahrrad. Big Island by bike. Nonstop.

420 Kilometer mit 5.000 Höhenmetern erwarten Jochen bei der Inselumrundung. Ausgang ungewiss.

Die Strecke kennt Jochen gut. Er ist sie bereits mehrmals abgefahren, als Teilnehmer beim legendären „Ultraman“. Allerdings gelten bei den Weltmeisterschaften der ganz Harten ganz andere Regeln. Hier werden zum Auftakt zehn Kilometer geschwommen und im direkten Anschluss die erste Rad-Etappe bewältigt. Am zweiten Tag folgt der abschließende Rad- Part und am dritten Tag steht noch ein Doppelmarathon an.

Private Challenge mit einem einzigen Teilnehmer

Auf dem Rad kommen so, verteilt auf zwei Tage, bis zu 421 Kilometer zusammen, je nach Streckenführung, die im Laufe der Jahre auch schon mal geändert wurde. Meistens ging es jedoch über Jochens Lieblingsstre- cke von Kailua-Kona gegen den Uhrzeigersinn einmal um die komplette Insel. Und genau die hat sich der 51-Jährige für heute am Stück vorgenommen – als einziger Teilnehmer seiner privaten Challenge. Wie es dazu kam, dass er sich in wenigen Minuten in dieses Abenteuer stürzen wird, ist eine lange Geschichte und sie beginnt vor vielen Jahren vor einem Fernseher in Leverkusen.

Gemeinsam mit seinem Vater hatte sich der 15-jährige Jochen einen Bericht über die Ironman-Weltmeisterschaft auf Hawaii angesehen. Er hatte zum ersten Mal den Namen Dave Scott gehört und fasziniert vernommen, dass es mit Detlef Kühnel und Manuel Debus auch Deutsche gab, die diesen Wahnsinnssport machten. Das wollte er auch. Und so traf es sich gut, dass ein Bekannter seines Vaters ebenfalls Triathlet war und ihn an den Sport heranführen konnte. Jochens spätere Karriere in Kurzform: 1987 der erste Start bei einem Sprint in Duisburg, 1990 die erste Langdistanz in Roth. Es folgten 33 weitere und 1999 geht er zum ersten Mal beim Ultraman auf Hawaii an den Start. Für Jochen ist es ein derart einschneidendes Erlebnis, dass er künftig nicht mehr von den ganz langen Distanzen lassen kann. Insgesamt achtmal erlebt er das Abenteuer Ultraman, nimmt zwischenzeitlich dreimal die Ironman-WM mit, absolviert den Transalpine Run, finisht beim Race Across The Alps und umrundet bei der Tortour die Schweiz mit dem Rennrad.

Hang zu Extremen

Und immer wieder Hawaii. Die Insel, die er so sehr liebt und jedes Jahr für mehrere Wochen besucht. 2015 und 2017 organisiert Jochen hier seine persönliche Mauna-Kea-Odyssee. Er schwimmt auf eigene Faust die 3,8 Kilometer lange Schwimmstrecke des Ironman Hawaii ab, fährt anschließend mit dem Rad 89 Kilometer zum Visitor Center des Mauna Kea und läuft von dort den 10-Kilometer-Trail zum Gipfel des Vulkans auf 4.205 Metern über dem Meer. Warum? „Ich habe einfach Bock auf Abenteuer, das ist für mich alles Joy“, sagt Jochen und schwärmt vom Genuss am Rand der Komfortzone. Er liebe es, sich dort aufzuhalten, und ab und an auch mal den schmerzhaften Sprung auf die andere Seite zu wagen.

Sich „challengen“ nennt er seine ausgefallen Unternehmungen und zu einer solchen Challenge bricht er auch heute auf. 420 Kilometer liegen vor ihm, 5.000 Höhenmeter und Gott weiß wie viele Stunden im Sattel. Um herauszufinden, wie viele es tatsächlich sein werden, gibt es nur eine Möglichkeit: aufteigen, losfahren und irgendwann ankommen. So lautet Jochens Plan. Fragen könnte er ohnehin niemanden, denn keiner der gut informierten Locals kann sich erinnern, dass jemand diesen Trip bereits gemacht hätte. Doch das ist auch okay so. Zeit- und Verpflegungspläne bis ins Detail ausarbeiten und Strategien und Pacing festlegen? Nicht Jochens Ding. Da er aber Big Island in- und auswendig kennt, braucht er nicht mal eine Karte zu studieren. Und da er die Lage auf seiner Insel stets verfolgt, weiß er, dass der Ausbruch des Kilauea Teile der Originalstrecke des Ultraman im Puna District unbefahrbar gemacht hat. Also verfolgt er, statt die komplette Ultraman-Strecke unter die Räder zu nehmen, Plan B – eine leicht verkürzte Route, die ihm 95 Kilometer vorenthält. Oder doch eher erspart? Man wird sehen.

Einsame Freiheit

Um Punkt 3:00 Uhr bricht Jochen auf in Richtung Süden. Mit Paul van Dyk im Ohr, dessen „Evolution“ den Rhythmus zum Abenteuer liefert, geht es den Alii Drive runter. Es ist immer noch stockdunkel, als er auf die Bypass Road Richtung Southpoint kommt. Am Lenker seines Rennrads, das bei Freunden eingelagert war, ist neben den Clip-ons, die für maximalen Komfort sorgen sollen, eine Lupine Betty befestigt, die Mutter aller Fahrradflutlichter. Nach hinten blinken rote Leuchten, die, wie die gesamte Beleuchtungsanlage, von einer Anerkennung durch die deutsche Straßenverkehrszulassungsordnung so weit entfernt sind wie Patrick Langes Wettkampftempo von einem lockeren Feierabendlauf. Doch es ist auch niemand da, den das interessieren könnte. Erstens ist das hier Hawaii und zweitens überholen Jochen auf seinem Ritt Richtung Süden ganze drei Autos.

Privat Richtung Honokaa ergeben sich immer wieder Blicke aufs Meer. Eine willkommene Ablenkung.

Jochen genießt die einsame Fahrt durch die Dunkelheit. Dann sei er ganz bei sich und fühle sich frei, erzählt er. Mal mit Musik in einem Ohr, mal ohne, und manchmal singt er einfach selbst. Von den Dire Straits bis U2, von Trance bis Supertramp. Ein wilder Mix, der alle Stimmungslagen abdeckt. Momentaner Gemütszustand: maximal zufrieden.

Als er nach rund vier Stunden den Black Sands Beach erreicht, beginnen die ersten Sonnenstrahlen, die Nacht zum Tag zu machen. What a feeling. „Solche Momente sauge ich komplett auf. Diese unterschiedlichen Lichtverhältnisse, die verschiedenen Phasen des Tages so intensiv zu erleben, erfüllt mich mit ungeheurer Energie. Das treibt mich an und macht mich dankbar“, beschreibt Jochen seine Stimmung zum Sonnenaufgang. Doch er weiß, dass diese Nummer nicht nur Sonnenschein bleiben wird. Dafür kennt er sich mit den wirklich langen Distanzen viel zu gut aus.

Unsichtbarer Krafträuber

Die erste echte Prüfung wartet genau hier: Vom Black Sands Beach geht es rund 40 Kilometer bergauf nach Volcano. Nicht offensichtlich, aber deutlich spürbar. 1.300 Höhenmeter, die fatalerweise bei Gegenwind erschlichen werden müssen. Und als würde das nicht schon genug fordern, ist nicht mal die anschließende Abfahrt ein Geschenk. Auf dem Weg nach Hilo beginnt es zu regnen, der Seitenstreifen ist mit Schmutz und Schotter übersät und die Reflektoren, die in den Boden eingelassen sind, aber dennoch fies herausragen, erfordern volle Konzentration statt Erholung bei Höchstgeschwindigkeit.

Privat Ein erster Meilenstein der großen Inselrunde: der Eingang zum Volcanoes National Park.

In Hilo ist deshalb erst mal Verpflegung angesagt. Drei spontan besorgte Zimtrollen lassen das Stimmungsbarometer wieder auf gute Laune umschwenken – und das ist jetzt auch nötig, denn Jochens Frau Judith, die mit dem Auto quer über die Insel gefahren ist, um von hier an zu supporten, hat schlechte Nachrichten: Das Wetter im Nordwesten ist katastrophal. Wind und Regen warten dort – nicht gerade die Motivation, die sich Jochen gewünscht hätte. Die muss er sich nun auf anderem Weg be- sorgen und die Lösung ist die Insel selbst. Richtung Honokaa ergeben sich immer wieder Blicke aufs Meer. Die Luftfeuchtigkeit ist enorm und die Landschaft extrem grün. Der komplette Gegensatz zur Lavawüste, die das Hawaiibild so vieler Ironman-Athleten prägt. Und nicht nur optisch sei der Unterschied greifbar, sagt Jochen. Er spüre hier eine ganz andere Energie als an der Kona-Küste – und diese nutzt er nun, um dem wieder einsetzen- den Regen und der Strecke zu trotzen. Denn wieder mal geht es bergauf: 20 Kilometer am Stück durch eine Landschaft, die nur wahre Insider sofort Hawaii zuordnen können. Grüne Hobbit-Hügel, die nach Neuseeland aussehen oder nach Irland, und dazu würde irgendwie auch das Wetter besser passen.

Weiter oder abkürzen?

Als Jochen schließlich Waimea erreicht, wird es ganz kurz haarig. Denn der Ort hat dummerweise eine Kreuzung und diese Kreuzung eröffnet ausgelaugten Athleten verschiedene Optionen. Option 1: weiter Richtung Hawi. Dem ursprünglichen Plan der größtmöglichen Inselumrundung folgen und sich von der Aussicht auf eine weitere Steigung nicht kleinkriegen lassen. Option 2: Richtung Süden abbiegen und dem Elend ein Ende bereiten. Ist ja schließlich kein Wettkampf. Alles vollkommen freiwillig und niemand würde meckern. Und das Wetter ist auch wirklich übel …

Was tun? Jochen blickt hoch zu den Kohala Mountains und kann erahnen, dass ihn dort wieder Sonne und Wärme erwarten. Also weg mit den negativen Gedanken und alles auf Option 1. Eine gute Entscheidung. Plötzlich läuft es wieder und über dem leuchtenden Grün der Wiesen spannt sich ein kompletter Regenbogen. Gefühlt ist das Schauspiel so nah, dass man sich wundert, an den Enden keine Goldgräber buddeln zu sehen.

Privat In 15 Stunden hat Jochen von Sonne bis Regen so ziemlich alles erlebt.

Die Abfahrt nach Hawi meistert Jochen ohne Schwierigkeiten und als er das Dorf im Norden, den berühmten Wendepunkt der Weltmeisterschaft, erreicht, weiß er, dass es auch für ihn von jetzt an einfach wird. Von hier aus gibt es nur noch einen Weg und der führt nach Hause. Ein Weg, den Jochen schon so oft gefahren ist, dass nun der Autopilot übernehmen und er komplett genießen kann. Auf dem Weg nach Kawaihae, wo es auf den Queen Kaahumanu Highway geht, versinkt die Sonne bereits wieder im Pazifik. Was für ein Anblick, was für eine Stimmung. Oder wie Jochen es treffend zusammenfasst: „Einfach nur geil!“

Mit Rückenwind fliegt er Richtung Kailua-Kona. Alle zehn Kilometer steht jetzt Judith am Straßenrand und feuert ihn an. Mittlerweile ist es wieder dunkel, aber das ist Jochen komplett egal. Das ist der Spirit. Und dann ist es geschafft. Judith empfängt ihn am Pier. Jochen steigt nach knapp 15 Stunden vom Rad, setzt sich aufs Oberrohr, streckt seine Arme in den Nachthimmel und dankt der Vulkan-Göttin Madame Pele, dass sie mit ihrer Lava-Nummer vom Frühjahr die Strecke verkürzt hat. Denn so schön es auch war, jetzt hat es dann doch gereicht.

Privat Danke, Madame Pele: Die Vulkangöttin hat es mit Jochen gut gemeint.

Zufrieden sitzen Jochen und Judith wenig später am Meer und hören schweigend noch ein wenig der Live-Musik zu, die aus einer Bar schallt. Jetzt ist nicht die Zeit für ausschweifende Siegesfeiern. Mission accomplished und gut. Nach einer Weile fragt Judith: „Du willst jetzt einen Burger, oder?“ Jochen will. Und er bekommt ihn. Dreifach. Mit Bacon und Käse. Und zwei Portionen Homefries. Seine eigene und die von Judith. Abenteuer Ende.

Die Reportage ist in der triathlon 168 erschienen.

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