Klartext nach 24.000 Kilometern auf dem Rad rund um Kontinentaleuropa: Jonas Deichmann und Josefine Rutkowski sprechen über schwere Gedanken, körperliche Veränderungen und unvergessliche Momente beim Projekt Around Europe. Eine Tour, zwei Sichtweisen.
Der Alltag hat sie wieder. Für Jonas Deichmann und Josefine Rutkowski war das aber erst einmal eine Umstellung. Nach 127 Tagen im Sattel. Nonstop. Acht bis neun Stunden täglich. 24.000 Kilometer. Einmal um Kontinentaleuropa. Mit Herausforderungen, Hindernissen und herzlichen Begegnungen. Niemals zuvor war selbst Jonas Deichmann – der mehrfache Radweltrekordinhaber – eine so lange Strecke am Stück gefahren. Eine Tour der Extreme zwischen Rekordfahrt und Grenzerfahrungen.
Überschaubare Radpflege
Auch für das Equipment, das gezeigt hat, was moderne Materialien zu leisten imstande sind. Rund 16 Kilogramm brachten die voll ausgestatteten Bikes auf die Waage. Bei 24.000 Kilometern erwartet man eine Reihe an Schwierigkeiten, die Liste aber blieb kurz. „Es ist Wahnsinn, wie gut unsere Fahrräder durchgehalten haben“, betont Deichmann. „Defekte waren praktisch kein Thema.“ Die Set-ups mit 40-Millimeter-Tubeless-Reifen hielten, was sich die beiden Abenteurer von ihnen versprochen hatten. Drei Platten, die schnell geflickt waren. Das war’s. „In Nordspanien habe ich mir einen Bohraufsatz in den Reifen gefahren. Der war trotz Tubeless nicht mehr zu retten. Die anderen beiden Platten waren, nachdem ich die Vorder- und Hinterreifen zuvor durchgetauscht hatte. Da waren also bereits Schläuche drin.“ 16 Reifen haben beide zusammen auf der Tour verbraucht, zwölf Ketten. Einmal haben sie die Bremsbeläge in Helsinki erneuert. Eine überschaubare Radpflege für so eine lange Route.
Dabei war Deichmann in erster Linie für die mechanischen Fragen verantwortlich. Josefine Rutkowski assistierte. Das hatte weniger mit Unwissen zu tun, sondern mit Sicherheit. „Ich habe natürlich geholfen. Aber wenn es um die wichtigen Dinge ging, bei denen Fehler die Tour stoppen konnten, hat Jonas das gemacht. Er hat da einen größeren Erfahrungshorizont durch seine Weltumrundungen und Ideen, auf Situationen zu reagieren, darauf wäre ich nie gekommen“, erklärt Rutkowski. Augenzwinkernd ergänzt sie: „Ich war dafür in mehr als 300 Supermärkten. Wenn also jemand Fragen hat, wo er etwas findet und wie die Preisverhältnisse sind – ich weiß Bescheid.“
Vorbereitung auf das nächste Vorhaben
Nach dem Projekt ist derweil vor dem Projekt. Denn Jonas Deichmann wird am 24. September 30 Marathons in 30 Tagen durch Baden-Württemberg in Angriff nehmen. Die Vorbereitung war zunächst eine Umstellung. Nach den 127 Tagen im Sattel standen drei Tage Yoga und Stretching auf dem Programm, ehe die ersten kurzen Läufe aufgrund der ungewohnten Belastung für Muskelkater sorgten. Mittlerweile ist der Abenteurer aber wieder im Flow. „Mein Körper erinnert sich, dass er mal laufen konnte“, so Deichmann. „Ich werde in einer ganz anständigen Form am Start stehen. Bis dahin ist es ein Kompromiss zwischen Regeneration und Vorbereitung. Die Topform werde ich wahrscheinlich nach einer Woche besitzen.“
Während beide im Alltag zwischen Vorbereitung und Vorträgen angekommen sind, haben wir mit ihnen noch einmal über das Projekt Around Europe gesprochen. Ein Rückblick auf eine ganz besondere Reise. Josefine Rutkowski und Jonas Deichmann über …
… einen besonderen Ort auf der Tour.
Wenn Jonas Deichmann an die Tour zurückdenkt, kommen ihm als Erstes die Bilder vom Tag am Nordkap in den Sinn. „Das Nordkap selbst ist nur ein Touri-Felsen. Aber die Gegend drumherum ist ein besonderer Ort. Für uns war es der nördliche Wendepunkt“, erklärt der Abenteurer. Manches aber lässt sich einfach nicht in Worte fassen. Leichter fällt es ihm da schon bei seinem zweiten Highlight, das auch Josefine Rutkowski bestens in Erinnerung ist: dem 300-Kilometer-Tag auf den Lofoten. „Der war wild. Das war wirklich extrem. So ein langer und geiler Tag, auch landschaftlich.“ Mit der Nachtfähre hatten beide übergesetzt und morgens um 3 Uhr ihre Tour durch dieses besondere Fleckchen Erde gestartet.
„Ich habe mich vorher mit der Route beschäftigt: Es gibt eine Straße und die Lofoten sind im Sommer fürs Radfahren nicht empfehlenswert. Es ist verrückt, wie viele Camper und Wohnmobile dort sind. Es ist zu der Jahreszeit dort aber 24 Stunden hell. Daher sind wir direkt losgefahren.“ Selbst das Wetter war auf der Seite der Abenteurer. Statt des vorhergesagten Regens behielten die grauen Wolken die Wassermassen für sich und der Wind schob permanent von hinten, statt ins Gesicht zu pusten. Anvisiert waren 230 Kilometer. Gegen 22 Uhr schauten sich die beiden Abenteurer mit Blick auf den Tacho an und beschlossen: Wir machen die 300 Kilometer voll und fahren bis zur nächsten Fähre. Ansonsten steht für Rutkowski kein spezieller Tag oder Ort im Vordergrund. Vielmehr sind es die vielen Eindrücke, die sie gesammelt hat. „Es sind immer nur Ausschnitte von verschiedenen Tagen, die ich immer wieder reinholen kann.“
… einen Platz, an dem Sie gerne geblieben wären.
Jonas Deichmann vermutet bereits bei der Frage: „Das ist bei uns wahrscheinlich komplett unterschiedlich.“ Sein Gespür täuscht ihn nicht. Während er die Gorafe-Wüste im spanischen Andalusien feiert, die ihn mit ihrer Landschaft und den Canyons „absolut geflasht“ hat, war es bei Josefine Rutkowski ein gemütliches Café auf den Lofoten. Ein ganz anderes Setting also. „Ich mag auch mal schöne Orte, die zum Verweilen einladen, weil sie gemütlich sind“, sagt Rutkowski. „Es hat einfach gepasst. Das Café war mit Liebe eingerichtet, das Wetter war schmuddelig, wir haben einen Barista-Kaffee genossen.“ Sie habe sich vorstellen können, dort noch ein oder zwei Stunden zu verbringen, um ein Buch zu lesen, anstatt auf das Fahrrad zu steigen.
Weniger gemütlich, aber nicht weniger interessant ist Deichmanns Pick. „So, wie es in der Gorafe-Wüste ist, das liebe ich total“, sagt er. „Das ist ein Ort, an den ich vielleicht im nächsten Jahr noch einmal mit einem Campervan und dem Gravelbike zurückkehre.“ Für beide war klar: Verweilen geht nicht. „Wir hatten ja ein Ziel vor Augen“, sagen beide übereinstimmend. Auch die Bedingungen bestimmten den Tagesplan. Ein Zeitfenster mit annehmbarem Wetter ungenutzt verstreichen zu lassen, um anschließend bei Starkregen weiterzufahren, hätte die ohnehin herausfordernde Aufgabe nur unnötig weiter erschwert.