NEU! triathlon-News Ausgabe vom 29. Oktober, 06:02 Uhr · 1:03 Min · Kurzfassung

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Motorräder, Windschatten, Aero-Boxen: Diese Probleme will World Triathlon angehen

Motorräder können Athleten einen aerodynamischen Vorteil verschaffen, Windschattenverstöße sind nicht immer eindeutig nachzuweisen und neue Aero-Konstruktionen bringen die Materialkontrolle an ihre Grenzen. World Triathlon beschäftigt sich mit diesen Problemen und arbeitet an der Weiterentwicklung seiner technischen Regeln für 2027.

Frank Wechsel / spomedis Übergroße Boxen im Rahmen, mehrere Flaschen zwischen den Armen und hochgebaut hinter dem Sattel: Diese Bilder sind seit einiger Zeit eher Regel als Ausnahme.

Wie viel Abstand muss ein Kameramotorrad zur Rennspitze halten? Warum werden vermeintliche Windschattenverstöße nicht bestraft, obwohl sie im Livestream zu sehen sind? Und welche aerodynamischen Anbauteile sind am Zeitfahrrad eigentlich erlaubt? Drei Fragen, die unterschiedliche Bereiche des Triathlons betreffen, aber eines gemeinsam haben: Sie entscheiden mit darüber, wie fair ein Rennen abläuft.

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World Triathlon hat diese Herausforderungen auf der Agenda. Im einem neuen Bericht des Technical Committee werden unter anderem Tests mit neutralen Motorrädern sowie die Überprüfung ungewöhnlicher Konstruktionen und aerodynamischer Komponenten aufgeführt. Für die Saison 2027 steht zudem eine umfassende Überarbeitung technischer Regelunterlagen an. Sicherheit, Fairness und einheitliche Entscheidungen sollen dabei im Mittelpunkt stehen.

Motorräder können einen erheblichen Vorteil verschaffen

Kamera-, Kampfrichter- und Organisationsmotorräder gehören zum Triathlon. Sie ermöglichen Fernsehübertragungen, überwachen das Renngeschehen und übernehmen Sicherheitsaufgaben. Gleichzeitig können sie den Wettkampf beeinflussen. Wie groß dieser Einfluss sein kann, zeigt eine wissenschaftliche Untersuchung von Bert Blocken und Kollegen aus dem Jahr 2020. Die Forscher analysierten mithilfe von Windkanal und Strömungssimulationen, wie sich ein vorausfahrendes Motorrad auf den Luftwiderstand eines Radfahrers auswirkt. Das Ergebnis: Bei zehn Metern Abstand verringerte sich der Luftwiderstand unter den untersuchten Bedingungen um rund 23 Prozent. Bei 30 Metern waren es noch zwölf Prozent, bei 50 Metern sieben Prozent.

Das aktuelle Regelwerk von World Triathlon definiert eine Windschattenzone von 20 Metern hinter Motorrädern. In der Sportordnung der Deutschen Triathlon Union sind es 15 Meter. Ein aerodynamischer Vorteil ist also vorprogrammiert. Besonders problematisch ist das bei engen Rennverläufen. Fährt ein Motorrad längere Zeit vor einem Athleten, kann dieser davon profitieren, während seine Konkurrenten möglicherweise ohne vergleichbare Unterstützung unterwegs sind.

World Triathlon beschäftigt sich deshalb mit Tests neutraler Motorräder. Dabei steht die grundsätzliche Herausforderung im Mittelpunkt, Begleitfahrzeuge so in ein Rennen einzubinden, dass sie den sportlichen Wettbewerb möglichst wenig beeinflussen. Neben der aerodynamischen Wirkung müssen auch die Sicherheit der Athleten und die Anforderungen der Rennorganisation berücksichtigt werden.

Windschattenverstöße: Wie Technik bei der Kontrolle hilft

Die Kontrolle des Windschattenverbots bleibt eine Herausforderung. Gerade bei internationalen Profirennen entstehen immer wieder Diskussionen über vermeintliche Regelverstöße. Fernsehbilder zeigen Athleten, die scheinbar zu dicht hintereinander fahren. Doch nicht jede verdächtige Szene ist automatisch ein Verstoß. Während eines Überholvorgangs dürfen Athleten vorübergehend in die Windschattenzone einfahren. Entscheidend sind deshalb der tatsächliche Abstand, die Dauer und die jeweilige Rennsituation. Auch aus diesem Grund kommt bei großen Rennserien inzwischen RaceRanger zum Einsatz.

Das System arbeitet mit Sensoren an den Fahrrädern, die den Abstand zwischen den Athleten erfassen. Farbige Lichtsignale zeigen an, ob sich ein Fahrer innerhalb oder in der Nähe der Windschattenzone befindet. Bei den T100- und Ironman-Rennen, wo RaceRanger bereits eingesetzt wird, müssen Profis 20 Meter Abstand halten und haben maximal 45 Sekunden für einen Überholvorgang.

Seit September 2025 veröffentlicht die Professional Triathletes Organisation (PTO) außerdem ausgewählte RaceRanger-Daten. So lassen sich Rennsituationen besser nachvollziehen und mögliche Regelverstöße anhand zusätzlicher Messwerte beurteilen. Die Technik soll damit nicht nur den Athleten helfen, die vorgeschriebenen Abstände einzuhalten, sondern auch die Arbeit der Kampfrichter erleichtern.

Eine weitere Möglichkeit zur Kontrolle bieten Videobeweise. Das Regelwerk von World Triathlon erlaubt bereits den Einsatz elektronischer Daten und technischer Hilfsmittel zur Unterstützung von Kampfrichterentscheidungen. Unter bestimmten Voraussetzungen können Wettkampfergebnisse auch nachträglich korrigiert werden. Für Tatsachenentscheidungen während des Rennens gelten allerdings Einschränkungen. Ein später veröffentlichtes Video führt deshalb nicht automatisch zu einer Strafe.

RaceRanger und Videobeweise können die Kontrolle insgesamt transparenter machen. Allerdings ersetzen sie nicht die Bewertung durch die Kampfrichter. Entscheidend bleibt deshalb, wie zuverlässig die Daten erfasst werden und nach welchen Maßstäben mögliche Verstöße bewertet werden.

Aero-Boxen und neue Rahmenformen auf dem Prüfstand

Neben der Kontrolle des Renngeschehens beschäftigt World Triathlon auch die technische Entwicklung der Fahrräder. Moderne Triathlonräder sind längst mehr als klassische Zeitfahrmaschinen. Trinksysteme, Verpflegungs- und Werkzeugboxen werden immer stärker in die Rahmenformen integriert. Die Komponenten dienen dabei nicht ausschließlich der Aufbewahrung, sondern können gezielt den Luftstrom beeinflussen.

Damit stellt sich eine grundsätzliche Frage: Wann handelt es sich um eine zulässige Integration von Ausrüstung und wann um eine unerlaubte aerodynamische Verkleidung? Das Technical Committee nennt in seinem Bericht ausdrücklich die Überprüfung und Genehmigung nicht traditioneller Fahrradrahmen, neuer Ausrüstung und aerodynamischer Komponenten im Zusammenhang mit Ironman und PTO.

Als konkretes Beispiel wird ein sogenanntes Aero-BTS-System aufgeführt. BTS steht für Behind the Saddle Storage, also eine Aufbewahrungslösung hinter dem Sattel. Solche Systeme können die Aerodynamik eines Fahrrads beeinflussen und müssen deshalb mit den geltenden Materialvorschriften vereinbar sein. Für ungewöhnliche Konstruktionen sieht World Triathlon bereits ein Genehmigungsverfahren vor. Hersteller beziehungsweise Athleten müssen technische Informationen, Bilder und gegebenenfalls Sicherheitsnachweise einreichen.

Auch für Agegrouper ist das Thema relevant. Die DTU-Sportordnung macht konkrete Vorgaben für Trinksysteme, Heckboxen und Oberrohrbehälter. Bei Ironman gelten teilweise andere Bestimmungen. Ein Fahrrad, das bei einem Rennen zugelassen ist, muss deshalb nicht zwangsläufig bei einer anderen Veranstaltung den Materialvorschriften entsprechen. Die Aufgabe für World Triathlon bestehe darin, technische Innovationen zu ermöglichen und gleichzeitig klare Grenzen für zusätzliche Verkleidungen und ungewöhnliche Konstruktionen zu setzen.

Unterschiedliche Regeln erschweren die Kontrolle

Dass einheitliche Wettkampfbedingungen nicht selbstverständlich sind, zeigt sich bereits beim Windschattenverbot. Ironman hat den Mindestabstand zwischen Profis für 2026 von zwölf auf 20 Meter erhöht. Für Agegrouper gelten weiterhin zwölf Meter. T100 setzt bei den Profis ebenfalls auf 20 Meter. Auch bei den Zeitstrafen bestehen Unterschiede. Bei Ironman kostet ein Windschattenverstoß auf der Mitteldistanz zwei Minuten, auf der Langdistanz drei Minuten. Bei T100 beträgt die Strafe eine Minute.

Diese Unterschiede haben direkte Auswirkungen auf die Rennstrategie und die Kontrolle durch Kampfrichter. Wer mehrere Rennserien bestreitet, muss sich jeweils auf andere Vorgaben einstellen. Die Zusammenarbeit zwischen World Triathlon, PTO und Ironman bei technischen Fragen gewinnt deshalb an Bedeutung. Das Technical Committee ist bereits in die Überprüfung von Materialien und Sonderregelungen verschiedener Rennformate eingebunden.

Die nächsten Schritte für 2027

Für die kommende Saison hat das Technical Committee eine umfassende Überarbeitung seiner technischen Regelunterlagen vorgesehen. Die entsprechenden Arbeiten sind für Oktober und November 2026 angesetzt, anschließend sollen die Ergebnisse dem Executive Board zur Genehmigung vorgelegt werden. Neben der Weiterentwicklung der Vorschriften gehören auch die Schulung und Zertifizierung technischer Offizieller zu den Schwerpunkten. World Triathlon betont dabei insbesondere die einheitliche Anwendung seiner Regeln.

Die zentralen Herausforderungen sind deutlich: Begleitmotorräder sollen den Rennverlauf möglichst wenig beeinflussen, Windschattenverstöße müssen zuverlässig bewertet werden können und neue Fahrradkonstruktionen brauchen nachvollziehbare technische Grenzen. Denn für faire Wettkämpfe reicht es nicht, Abstände und Materialvorgaben festzulegen. Entscheidend ist, dass ihre Einhaltung im Rennen zuverlässig kontrolliert wird – und sportliche Vorteile nicht davon abhängen, welches Motorrad gerade vorausfährt oder welche Konstruktion noch durch die Materialkontrolle kommt.

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Jan Luca Grüneberg
Jan Luca Grüneberg
Nach dem Studium der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln ist Jan Luca Grüneberg seit 2022 bei spomedis und wurde dort zum Redakteur ausgebildet. Wenn er gerade mal nicht trainiert, hört oder produziert er wahrscheinlich Musik.

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