Zweifel, Krankheit, Experimente: Auf der Pressekonferenz vor der Ironman-70.3-WM zeigen die Top-Athletinnen, wie unterschiedlich ihre Wege nach Nizza waren und wie groß der Respekt vor dem Rennen ist.
Eine Frage bleibt auf der Pressekonferenz ohne die erhoffte Antwort: Wer ist überzeugt, am Samstag gewinnen zu können? Selbst unter den fünf Top-Athletinnen auf dem Podium will sich niemand so recht festlegen. Vor dem Frauenrennen der Ironman-70.3-Weltmeisterschaft am 12. September stehen die anspruchsvolle Radstrecke und die starke Konkurrenz im Mittelpunkt.
Julie Derron: „Wenn ich die Radstrecke im Regen überstehe, sollte es am Samstag kein Problem sein“
Julie Derron hat den Härtetest auf der Radstrecke bereits hinter sich. Bei ihrer Besichtigung am Vortag wird die Schweizerin ordentlich nass – und gewinnt daraus Zuversicht: „Ich dachte mir: Wenn ich diese Strecke bergauf und bergab im Regen schaffe, sollte es am Samstag kein Problem sein, wenn es trocken ist.“
Die Berge sind für Derron vertrautes Terrain, eine Ironman-70.3-WM erlebt sie dagegen erst zum zweiten Mal. Aus Taupō 2024 nimmt sie vor allem die besondere Atmosphäre eines Wochenendes mit zwei Renntagen und vielen Triathleten mit. Nizza kennt sie bislang als Zuschauerin, nun will sie die Strecke selbst im Wettkampf erleben.
Katrina Matthews: „Ich weiß, dass ich vorn mitmischen kann“
Fünf zweite Plätze bei Ironman- und Ironman-70.3-Weltmeisterschaften: Katrina Matthews kennt die Frage nach dem ersten Titel. „Es tut weh“, sagt die Britin über das Thema. Anders als vor früheren Rennen verspüre sie diesmal nicht diese unbedingte Angriffsmentalität, mit der sie sich selbst zum Kampf um den Sieg antreibe. Was bleibt, ist das Vertrauen in ihre Erfahrung: „Ich weiß, dass ich vorn mitmischen kann.“ Sie habe bereits bewiesen, dass sie auf der großen Bühne ein Rennen auf den Punkt bringen könne.
Ihren technisch bedingten Ausstieg beim Ironman Texas bewertet Matthews inzwischen auch als Chance: Weil sie anschließend keinen zusätzlichen Ironman einschob, blieb mehr Raum für einen Trainingsblock. Auf der Radstrecke macht ihr weniger der Kurs selbst Sorgen als die Konstellation in den Abfahrten. „Es ist nicht die Strecke, die mich beunruhigt, sondern die Leute um mich herum.“ Sie rechnet damit, dort mit mehreren Konkurrentinnen unterwegs zu sein.
Solveig Løvseth: „Ich glaube nicht wirklich, dass ich dieses Rennen gewinnen kann“
Siege in Texas und Hamburg, dazu Platz zwei in Oceanside: Solveig Løvseths erste Saisonhälfte liest sich eindrucksvoll. Was danach folgt, ist deutlich weniger glamourös. „Ich war viele Wochen krank, lag im Bett und habe nichts gemacht“, berichtet die Norwegerin. Irgendwann seien auch Zweifel aufgekommen, ob sie wieder richtig leistungsfähig werden würde.
Inzwischen blickt Løvseth auf gute Trainingswochen und einen gelungenen Höhenblock zurück. Die Krankheit habe ihr noch einmal gezeigt, wie viel es ihr bedeute, den Körper belasten zu können. Ihre Erwartungen formuliert die Ironman-Weltmeisterin dennoch vorsichtig: „Ich glaube nicht wirklich, dass ich dieses Rennen gewinnen kann, wenn ich ehrlich bin.“ Auf der Langdistanz fühle sie sich momentan sicherer. Ganz schließen will sie die Tür aber nicht: „Ich habe auch nicht wirklich geglaubt, dass ich vergangenes Jahr Kona gewinnen würde.“ Zusätzliche Motivation liefert die Pro Series, in der sie den Rückstand auf Laura Philipp verkürzen möchte.
Marjolaine Pierré: „Wir müssen die Radstrecke überstehen und schnell laufen“
Für Marjolaine Pierré ist Nizza ein Heimspiel. Familie, Freunde und viele vertraute Gesichter werden an der Strecke stehen. Die Französin empfindet das vor allem als Unterstützung: „Es ist ein Privileg, das erleben zu dürfen.“ Ihren Heimvorteil hat Pierré auch im Training genutzt. Gemeinsam mit ihrem Freund Clément Mignon hat sie viel an den Anstiegen und Abfahrten gearbeitet und versucht, seinem Hinterrad zu folgen. Seine Prognose: Wenn sie im Rennen so abfahre, könne ihr womöglich niemand folgen. Pierré nimmt die Ermutigung mit Humor – und hofft, dass seine Einschätzung realistisch ist. Trotz aller Diskussionen über das Radfahren erinnert sie daran, was danach noch kommt: „Wir müssen die Radstrecke überstehen und dann schnell laufen.“ Dafür hat sie in der Vorbereitung erstmals auch auf Höhentraining gesetzt.
Taylor Knibb: „Es ist alles ein Experiment“
Drei Ironman-70.3-WM-Titel hat Taylor Knibb bereits gewonnen. Ob am Samstag der vierte folgt? „Das ist nicht allein meine Entscheidung. Es gibt viele andere starke Frauen“, sagt die US-Amerikanerin. Ihren Ausflug auf die Kurzdistanz im Sommer beschreibt sie als Experiment, von dem sie viel mitgenommen habe. Wie sich die Bausteine nun zusammenfügen, müsse sich zeigen: „Mein Team und ich haben wirklich keine Ahnung, wie das ausgehen wird.“
Der zweite Platz bei der WM in Marbella im vergangenen Jahr hatte für Knibb vor allem einen persönlichen Wert. Nach der enormen Erschöpfung im Anschluss an Kona gab ihr das Rennen das Vertrauen zurück, wieder starten und konkurrenzfähig sein zu können. Mit Blick auf Nizza sagt sie: „Ich hoffe, dass ich dieses Wochenende besser bin.“
Auch die Absage von Lucy Charles-Barclay bewertet Knibb differenziert. Sie schätze, wie die Britin das Feld schon beim Schwimmen auseinanderziehe: „In mancher Hinsicht werde ich sie vermissen, in anderer wahrscheinlich nicht.“ Eine Athletin abseits der ganz großen Namen hat Knibb besonders im Blick: die Schweizerin Cathia Schär. Sie sei eine starke Radfahrerin und könne in Nizza viele überraschen.