„How are you doing girl? : ) Ninja”
So beginnt mein Chat-Verlauf mit Nina Kraft. Das war am 5. November 2013. Wir hatten länger nichts voneinander gehört. Ninja. Das war ihr Spitzname. Ninja, die Kämpferin. So haben Freundinnen und Freunde sie genannt. Sie hat ihren letzten Kampf beendet.
Am Sonntag, 16. August 2020, ist sie gestorben.
„Mach´ dir keine Sorgen, wir machen das schon.“
Das hat sie mir 2017 gesagt, als ich in Clermont, Florida, alleine in meiner Ferienwohnung saß, der Hurricane über das Dach gefegt ist und ich in mir fast in die Hosen gemacht hätte vor Angst.
Sie hat sich gesorgt. Sie hat einen aufgemuntert. Motiviert.
„Mach´dir keine Sorgen.“
Das würde ich ihr gerne noch sagen.
„Wir machen das schon.“
Nina hätte nicht gewollt, dass wir so traurig sind.
Deshalb stelle ich mir vor, dass sie jetzt auf ihrem uralten Stahlrahmen mit Marco Pantani über die Himmelsberge radelt und ihm dabei so richtig auf den Zeiger geht. So wie sie es mit uns im Training gemacht hat. Mit uns, die sie Ninja nennen durften. Die mit ihr gelitten und gelacht haben. Immerzu hat sie einen gefordert und gefoppt. Als wir beim Freiwasser-Training schon bis zum Bauch im Waterfront-Park in Clermont, Florida, im See standen, hat sie gesagt:
„Gute Zeit zum Schwimmen.“
Hat ihre Brille aufgesetzt. Keine Badekappe über den wilden, blonden Locken.
„Die Alligatoren kommen nur nachts raus.“
Dann hat sie mich ganz ernst angeguckt.
„Meistens.“
Dann hat sie gelacht.
Am Ende einer 160-km-Radausfahrt durch die Berge war sie diejenige, die kurz vor der Haustür nochmal abgebogen ist und gesagt hat:
„Ich mache noch die 200 voll. Und du kommst mit.“
Wir hatten vor, zusammen ein Buch zu schreiben. Über ihr Leben. Es hätte viel zu erzählen gegeben. Details haben wir nie besprochen. Im Scherz hat sie mir gesagt, es würden zwei Teile sein. Den ersten wollte sie „Mein erster Weimeraner“ und den zweiten „Living life“ nennen. Zum ersten kann ich jetzt nicht viel sagen, außer, dass sie ihre beiden Hunde sehr geliebt hat.
Ich hätte davon erzählt, was für ein Ausnahmetalent sie war.
Neunmal war sie Ironman-Siegerin, zwei Titel als Europameisterin beim Ironman in Frankfurt. Auf Hawaii wurde sie zweimal Dritte und einmal Zweite. Keine deutsche Athletin hat mehr Podiumsplätze auf der Ironman-Strecke erreicht.
Es war nicht nur so, dass sie von Natur aus schnell und ausdauernd war. Sie hatte auch ein tiefes Vertrauen in ihre eigene Leistungsfähigkeit und einen außerordentlich starken Willen. Sie war leidenschaftlich im wahrsten Sinne. Sie war nicht nur gut darin, andere anzutreiben. Noch viel mehr konnte sie sich selbst immer weiter peitschen. Ohne Hilfe. Gnadenlos. Im Training, im Wettkampf und manchmal im Leben auch.
Der Weg des geringsten Widerstands war nicht ihrer. Wenn wir in einer Gruppe Rad fuhren, ist sie extra ausgeschert, um im Wind zu fahren.
„Im Wettkampf gibt´s auch keinen Windschatten“, hat sie dann gesagt.
Als ich Nina 1998 kennengelernt habe, war sie schon fast dreißig. In einem Alter, wo andere Profis über das Aufhören nachdenken, hat sie erst mit dem Triathlonsport angefangen. In ihrer Jugend war sie Leistungsschwimmerin gewesen, das Rad- und Lauftraining war noch neu für sie. Von Anfang an wollte sie viel: Ihr zweiter Triathlon-Wettkampf war gleich ein Ironman. In Roth wurde sie auf Anhieb Sechste. Overall. Unter zehn Stunden.
Diese außergewöhnliche Frau wollte ich dringend kennenlernen, schließlich wohnte sie auch noch in meiner Nähe. Wir flogen zusammen nach Hawaii, teilten ein Appartement. Es war erst der dritte Wettkampf ihres Lebens. Im Schwimmen war sie mir weit vorausgeeilt, hatte auf dem Rad den Vorsprung gehalten und auf der Laufstrecke, im Energy-Lab, kam sie mir dann entgegen. Wandernd.
„Mama, Mama, Mama“, hat sie gewimmert und hielt sich den Bauch. Das war das letzte Mal, das ich sie jemals habe jammern hören. Jammern gehörte eigentlich nicht in ihr Repertoire. Als ich sie dann endlich eingeholt hatte, es waren noch ungefähr zehn Kilometer bis zum Ziel, legte sie plötzlich den Schalter um und rannte, als wäre nie etwas gewesen. Wir liefen die ganze Zeit nebeneinander her und kamen Hand in Hand ins Ziel (es war das erste und letzte Mal, dass ich mich im Wettkampf in ihren Gefilden bewegt habe).
Der Titelsong der Award-Party war „I believe I can fly”. Darüber haben wir uns lustig gemacht. Wir feierten, das konnte man gut mit ihr machen. Auf dem Weg von der Party nach Hause hat sie die Arme ausgebreitet und so getan, als hätte sie Flügel.
„I fly through the highway, I fly through the highway”, hat sie gerufen und ist in Schlangenlinien über den Alii Drive geschwebt und ich habe mitgemacht. In diesen Tagen hat sie beschlossen, Triathlon-Profi zu werden. Im Folgejahr wurde sie schon Vierte beim Ironman Taupo in Neuseeland und 2001 gewann sie den Ironman Südafrika und Frankfurt.
Ja, sie konnte fliegen. Tatsächlich.
Sie hatte einen unbändigen Freiheitsdrang.
Im Spätherbst, in einer Wettkampfpause, wollte sie mich mit in den Harz nehmen, auf eine Wanderung. Aber in meinem Opel Corsa, diesem engen Kasten, würde sie auf keinen Fall fahren. Wir nahmen ihr Cabrio. Nina mit Sonnenbrille und ihre wilde, blonde Mähne im Wind. Immer wieder sehe ich dieses Bild, auch Jahre später in Florida, als sie mich in ihrem Motorboot mitgenommen hat, ihre beiden Hunde vorne am Bug.
In ein kleines Büro in Norddeutschland hätte man sie nicht einsperren können. Sie hätte sich gefühlt wie ein Löwin in einer fensterlosen Gummizelle. In Florida und Neuseeland, wo sie eine Zeit lang lebte, hat sie sich am wohlsten gefühlt. Wo es sonnig war, sie draußen sein und sich bewegen konnte. Das ganze Jahr über.
Diese Konsequenz, mit der sie sich damals für ein Leben als Profi entschieden hat, fand ich sehr beeindruckend.
„Frei sein ist schön“, schrieb sie mir. „Du musst aber dazu geboren sein, mit Absicherung ist da nicht viel.“
Eine überwältigende Flut von warmherzigen Facebook-Post, die in den letzten Tagen auf Ninas Seite angekommen ist, erzählen ähnliche Sachen.
Einerseits, dass sie diese Härte hatte. “We are not training for a walk in the flower garden”, wird sie zitiert.
In Florida wurde sie auch „Nina die Maschina“ genannt.
„Alles Kopfsache“ hat sie immer gesagt. „Alles Kopfsache.“
Aber unter dieser harten Schale war ein empfindsames Herz. „A golden heart“, schreibt eine Freundin aus Florida. „A humble soul“, ein anderer. Sie hätte sich eher um andere gesorgt, als um sich selbst.
„Those we love never die, they just leave before us.“
„LG Ein ehrlicher Freund :-)“, hat Nina eine ihrer Nachrichten an mich unterschrieben.
Unser Buch hätte von dieser Aufrichtigkeit handeln müssen, die sie Freundinnen und Freunden gegenüber hatte und mit der sie auch ihr Doping-Vergehen sofort eingestanden hat. Von ihrer Scham, die sie danach nie wieder losgeworden ist. Und von einem gebrochenen Herzen.
Das würde der tragische Wendepunkt des Buches sein.
Ich denke, dass es genau diese wunderbaren Eigenschaften waren, ihr Talent und ihr Ehrgeiz einerseits und ihre Empfindsamkeit und Ehrlichkeit andererseits, die es verhindert haben, dass sie jemals über ihren eigenen Fehler hinweggekommen ist.
Und an dieser Stelle hätte ich nicht sie sprechen lassen, sondern ich hätte mich eingeschaltet. Denn sie selbst hat es niemals kritisiert, dass ihre Erfolge nach 2004 in Deutschland entweder gar nicht oder nur mit dem Hinweis auf ihre Vergangenheit registriert wurden. Es waren noch fünf Ironman-Siege. Der letzte 2014 in Louisville. Da war sie schon 45 Jahre alt. Die älteste Athletin, die in der Profiklasse jemals einen Ironman gewonnen hat.
Ja, sie hat einen Fehler gemacht. Einen großen sogar. Aber sie hat niemals herumlamentiert. Sie hat eine Strafe bekommen, sie angenommen, abgesessen und sich danach regelmäßigen Doping-Tests unterzogen.
Sie hat ihren Fehler bereut. Mehr als das. Sie hat sich in Grund und Boden geschämt, sich selbst gegeißelt. Wie ein verbranntes Kind muss sie sich gefühlt haben, die ganze Zeit. Und das, wo der Triathlonsport ihre große Leidenschaft war. Was hätte sie denn noch tun sollen? Sie konnte es doch nicht rückgängig machen.
Dass die Öffentlichkeit ihr nicht verzeihen konnte, war fatal. Nina hat das gespürt und tief verinnerlicht.
In Clermont hat Nina zum Glück Menschen getroffen, die nicht ihre Fehler, sondern ihre Stärken gesehen haben. Ihren deutschen Akzent und ihre „crazy grammar“ hat dort keiner bemängelt, man fand das charmant, ihre Hilfsbereitschaft und Bescheidenheit wurde geschätzt. In Pressemeldungen steht, sie hätte zurückgezogen gelebt. Das stimmt nicht. Sie hat nur keine Interviews mehr gegeben. Sie hatte viele echte Freunde und sie hatte ihre Familie. Ich habe selten einen Menschen getroffen, in dessen Gegenwart ich mich so frei gefühlt habe.
Am 15. Oktober 2017 hat Nina mir im Chat geschrieben:
„Vermisse dich…“
Ich antworte:
„Ich dich auch!!!!“
Jetzt würde ich gerne schreiben: „How are you doing, Ninja?”
