Wie auf dem Immobilienmarkt gilt auch im Wasser: Die Lage macht den Unterschied. Wie teuer du dich beim Schwimmen „verkaufst“, hängt natürlich von deinen Armzügen und Kicks ab. Noch entscheidender für schnelle Splits ist aber, wie stabil und hoch du im Wasser liegst.

Wenn einer weiß, wie schnelles Schwimmen funktioniert, ist es Bernd Berkhahn. Der Coach aus Magdeburg führte Deutschlands Topschwimmer zurück in die Weltspitze, zu Olympiasiegen und Bestzeiten. Und er gibt sein Wissen an Triathletinnen und Triathleten weiter, etwa an Anne Haug und aktuell Lisa Tertsch. „Der Schlüssel ist immer die Wasserlage“, sagte Berkhahn im großen Interview mit triathlon (Ausgabe 235). Was er meint? Wie wir beim Kraulschwimmen im Wasser liegen, beeinflusst die Geschwindigkeit stärker als alles andere. Ganz gleich, wie viel Power in den Armzügen steckt: Die Kraft geht verloren, wenn die Position nicht stimmt und man wie der sprichwörtliche nasse Sack im Wasser liegt. Das gilt vor allem für lange Strecken. „Das Ziel ist“, so der Bundestrainer, „mit der richtigen Balance viel Bremswirkung zu vermeiden. Wer beim Antrieb das Gleiche macht wie bisher, aber die Wasserlage verbessert und weniger Frontalwiderstand bietet, hat schon viel geschafft und macht große Entwicklungsschritte.“
Es ist alles Physik
Doch wie sieht die perfekte Wasserlage aus? Es geht um die Position des Körpers im Wasser, genauer gesagt, um das Verhältnis von Kopf, Schultern, Rumpf und Beinen zur Wasseroberfläche. Angestrebt wird eine horizontale, gestreckte Linie vom Scheitel bis zu den Fersen.
Physikalisch wirken beim Schwimmen vor allem zwei Kräfte: Auftrieb und Schwerkraft. Entscheidend ist, wo diese Kräfte angreifen. Der Körperschwerpunkt liegt bei den meisten Menschen im Beckenbereich, bei Männern etwas tiefer als bei Frauen, der Auftriebsschwerpunkt durch die luftgefüllten Lungen weiter oben im Brustraum. Liegen diese Punkte nicht übereinander, entsteht ein Drehmoment. Die Folge: Die Beine sinken ab.
Hinzu kommt der Wasserwiderstand. Je größer die Stirnfläche, die dem Wasser entgegensteht, desto mehr Widerstand entsteht. Analysen im Strömungskanal zeigen, dass bereits nach unten gerichtete Füße, den Widerstand deutlich vergrößern und den Schwimm-Speed reduzieren. Noch schlimmer ist eine abgesunkene Hüfte mit nach unten gerichteten Beinen. Ein Anstellwinkel von 18 Grad vergrößert den Widerstand um etwa 50 Prozent. Bei 36 Grad sind es über 100 Prozent. Effizientes, kraftsparendes und trotzdem zügiges Schwimmen ist in dieser Position unmöglich.
Nicht nur hoch, sondern stabil
Eine gute Wasserlage bedeutet allerdings nicht, einfach nur hoch im Wasser zu liegen, sondern dabei auch möglichst lang und stabil. Körperspannung, Rumpfstabilität und ein effektiver Beinschlag sind wichtige Faktoren. Der Körper bildet eine nahezu gerade Linie. Der Blick geht leicht nach unten, der Nacken ist entspannt, die Hüfte nahe an der Oberfläche, die Beine ruhig im „Windschatten“ des Oberkörpers. Coach Berkhahn drückt es so aus: „Es geht um die Körpersteuerung. Wie du den Kopf hältst, wo der Po ist und wie die Beine liegen – das ist bei jedem Menschen ein bisschen unterschiedlich.“ So beeinflussen Körpergröße, Gewicht, Wassergefühl und Beinschlagintensität die optimale Lage. „All diese Aspekte muss man einfließen lassen für eine bessere Körperposition.“ Am Ende gehe es darum, möglichst wenig Energie für die Wasserlage aufzuwenden, um mehr Körner für den Antrieb zu haben. Die folgenden Punkte sind charakteristisch für eine gute Wasserlage:
- Der Kopf bleibt in Verlängerung der Wirbelsäule
- Die Hüfte liegt an der Wasseroberfläche und knickt nicht ab
- Die Fersen durchbrechen gelegentlich die Oberfläche
- Der Beinschlag stabilisiert, statt das Absinken zu kompensieren
Natürlich hilft ein Neoprenanzug, die gröbsten Fehler bei der Wasserlage zu kaschieren. Das Material sorgt für Auftrieb und eine stabilere Lage im Wasser. Eine gute Schwimmtechnik ersetzt die Gummipelle trotzdem nicht. Wer ohne Neo schneller schwimmt, wird auch mit früher aus dem Wasser kommen.









