NEU! triathlon-News Ausgabe vom 24. Oktober, 12:01 Uhr · 1:04 Min · Kurzfassung

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Die Frodeno-WG im September 2006: Das stand vor 20 Jahren in der triathlon

Ein Neuseeländer wird Europameister, Normann Stadler kämpft sich nach zwei Stürzen weinend ins Frankfurter Ziel, in einem Saarbrücker Reihenhaus wohnt die halbe Weltklasse unter einem Dach – und der neue U23-Meister heißt Sebastian Kienle, hält aber selbst nicht allzu viel von sich: Das war der September 2006 in der triathlon. Eine neue Ausgabe unserer Retro-Serie – 20 Jahre später mit einem Schmunzeln im Gesicht und dem Wissen von heute.

Frank Wechsel / spomedis Elite-WG in Saarbrücken: Christian Ruderer, Jan Frodeno, Anja Dittmer und Kris Gemmel zocken auf der X-Box.

Ein Editorial aus dem Fjord

Das Editorial der triathlon 49 wurde „auf der Terrasse einer schlichten Herberge im norwegischen Touristenörtchen Eidfjord“ geschrieben – zwölf Stunden vor dem Start des Chefredakteurs beim Norseman. Dienstreisen konnten 2006 sehr unterschiedlich aussehen. Inhaltlich aber lag Schwermut über dem Heft: Es war der Dopingsommer von Fuentes, Landis und Gatlin, der auch den Triathlon mit dem Fall Jürgen Zäck erreichte – im Heft nüchtern und ohne Häme kommentiert, mit dem bitteren Schlusssatz über den ermatteten Glanz einer großen Karriere. Umso bemerkenswerter der trotzige Dreh des Editorials: „An seine Grenzen zu stoßen, einzubrechen, vielleicht auch zu verlieren – das ist das Normale.“ Auf dem Cover: der frischgebackene Europameister Timo Bracht. Es gab also auch gute Nachrichten.

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Frankfurt: Tag der Überraschungen

Die Ironman-EM in Frankfurt gewann – „lustig“, wie das Heft anmerkte – ein Neuseeländer: Cameron Brown in 8:13:39. Der Europameistertitel ging an Timo Bracht, der „im Stile eines Mittelstreckenläufers“ auf der Friedensbrücke an Normann Stadler vorbeiflog. Bronze holte mit Frank Vytrisal ein 40-jähriger Berufsschullehrer aus Darmstadt. Der eigentliche Held des Tages wurde aber Elfter: Normann Stadler, haushoher Favorit, stürzte im Regen zweimal und quälte sich trotzdem ins Ziel – „Es gibt hier Leute, die quälen sich 16, 17 Stunden lang, da kann ich das auch einmal ein paar Stunden lang machen.“ Die Redaktion würdigte den Kampfgeist und ergänzte trocken, er könne auch „seiner Vertragsgestaltung mit Rennorganisator Kurt Denk geschuldet“ sein: „Antrittsgeld gibt es nur bei Erreichen der Ziellinie.“ Journalismus mit Bodenhaftung.

Frank Wechsel / spomedis Normann Stadler beim Zieleinlauf des Ironman Frankfurt 2006.

Neoprenverbot und ein anonymer Schwimmheld

Frankfurt 2006 schrieb noch mehr Geschichte: Bei 27 Grad im Langener Waldsee gab es „das erste Schwimmen ohne Neopren in 18 Jahren europäischer Ironman-Geschichte“ – die Rubrik „in & out“ erklärte prompt für „out“, eine „Wettkampf-Teilnahme wegen Neoprenverbots“ abzusagen. Dazu streikte die Zeitmessung, weshalb der beste Schwimmer des Tages zunächst anonym blieb. Die Redaktion recherchierte nach: Es war Christoph Fürleger aus Nördlingen, Altersklasse 25. „Sein Endergebnis: DNF.“ Manchmal erzählen zwei Buchstaben ein ganzes Drama. Bei den Frauen siegte derweil die selbsternannte „Schönwetterathletin“ Andrea Brede, die „wie von Solarenergie aktiviert“ wirkte, sobald die Sonne „wie ein Spiegelei“ am Himmel glänzte.

Klagenfurt: Der erste Streich des Marino Vanhoenacker

Beim Ironman Austria gewann ein „beinahe schüchterner“ Belgier namens Marino Vanhoenacker in 8:07:59 – sein erster Sieg in Klagenfurt. Aus heutiger Sicht darf man sagen: Er fand Gefallen an dem Ort und machte den Wörthersee in den Folgejahren praktisch zu seinem Wohnzimmer. Siegerin Rebecca Preston erklärte ihren dritten Ironman-Sieg binnen weniger Wochen mit einem Satz, der laut Heft „ihre Zuhörer etwas ratlos zurück“ ließ: „Die Rennen machen mir Spaß, mein Körper gibt mir positive Rückmeldungen und ich werde schön.“ Marathonschwimmer Christof Wandratsch stellte mit 41:26 einen Schwimm-Streckenrekord auf und musste dann zusehen, wie der Ruhm auf dem Rad davonfuhr. Und der Mexikaner Luis Alvares brachte gleich 212 Landsleute mit an den Start – „Spanisch war in den Tagen in Klagenfurt die alles beherrschende Fremdsprache.“

Ein Schuhparkhaus in Saarbrücken.

Die Triathlon-WG: Weltklasse mit Schuhparkhaus

Das Herzstück des Hefts: eine Homestory aus der Saarbrücker Benzstraße, wo sich Christian Ruderer, Jan Frodeno, Anja Dittmer und der Neuseeländer Kris Gemmel ein 120-Quadratmeter-Reihenhaus teilten. Der Tag begann „mit einem Autorennen“ um den besten Parkplatz an der Schwimmhalle, die Einrichtung bezog ihren Charme „aus – sagen wir es so – einem konsequenten Funktionalismus“, die Hausbar trug das Schild „Nur für Gäste“, und im Flur stand ein „Schuhparkhaus“. Frodenos Zimmer: Bett, begehbarer Kleiderschrank, „drei große Kochbücher (‚das ist meine große Leidenschaft‘). Sonst nichts.“ Der 25-Jährige, Anfang 2002 „buchstäblich mit leeren Händen“ aus Südafrika gekommen, wurde im Heft als „WG-Küchenchef“ geführt. Zwei Jahre später war der Küchenchef Olympiasieger. Man hätte es ahnen können: Wer bei X-Box und Plasmabildschirm im Wohnzimmer diszipliniert bleibt, dem ist Großes zuzutrauen.

Frodeno und der Kaffee: eine frühe Leidenschaft.

Schliersee: 4.999 Triathlonfans und ein Besucher

Die DM am Schliersee bot Alpenkulisse, einen „Scharfrichter“ von Anstieg zum Spitzingsattel – und die schönste Zuschauerzählung der Heftgeschichte: „geschätzte 4.999 Triathlonfans und ein Besucher“, wobei Letzterer Flugblätter verteilte und seine Sympathien nicht den Athleten, sondern „Bruno dem (hier erlegten) Bären“ galten. Sportlich holte Daniel Unger seinen dritten Titel („Dieses Rennen hat vom Beginn des harten Anstiegs auf dem Rad an richtig weh getan“), Ricarda Lisk ihren ersten. Auf Gesamtrang drei der Frauen: eine junge Schwedin namens Lisa Norden, die sechs Jahre später Olympia-Silber gewinnen sollte. Und U23-Meister wurde als Gesamtzehnter ein 22-jähriger Physikstudent namens Sebastian Kienle, der seinen WM-Verzicht mit entwaffnender Selbstkritik begründete: „Aufgrund meiner Schwimmschwäche kann man davon ausgehen, dass ich weit hinten aus dem Wasser komme. […] um letztlich unter ferner liefen in der Ergebnisliste aufzutauchen, bin ich zu ehrgeizig.“ Acht Jahre später reichte es dann immerhin für den Sieg auf Hawaii.

Daniel Unger am Schliersee. Ein Jahr später ist er Weltmeister.

München: Gomez auf dem Leihrad, Leder im Dauereinsatz

Beim München Triathlon gewann „eines der größten Triathlontalente unserer Zeit“: Javier Gomez – angereist „mit einem defekten Rad“, gestartet „auf dem geliehenen Rad“. Wenn das Talent groß genug ist, ist das Material offenbar Nebensache; die spätere Karriere des Spaniers bestätigte die These nachdrücklich. Die Rubrik „Unkaputtbar“ gebührte aber Lothar Leder: dritter Start in sieben Tagen, eine Woche nach dem Ironman Frankfurt – Sieg auf der olympischen Distanz in 2:00:47. Dazu tummelten sich Quereinsteiger im Feld: die Schwimmstars Mark Warnecke und Christian Tröger sowie Radprofi Marcel Wüst. Promi-Triathlon gab es also schon, als noch niemand „Content“ dazu sagte.

Rollgut: Fünf Minuten geschenkt

Der große Reifentest ließ Testfahrer Lars Teutenberg mit 41 km/h über eine überdachte 250-Meter-Betonbahn rollen und kam zu einer Erkenntnis, die bis heute jede Materialdebatte adelt: „Auf gutem Asphalt kommen Sie mit einem Top-Reifen fünf bis sechs Minuten schneller zur zweiten Wechselzone als mit einem mittelmäßigen Trainingsreifen.“ Bis zu 18 Watt Unterschied – Aero was noch nicht everything, aber Gummi schon eine Menge. Die Testprosa hatte Biss: Beim Maxxis gingen bei der „sehr mühsamen Montage […] zwei Schläuche kaputt“, der Tufo mit 15 Bar brachte den Tester „fast an die Spitze. Allerdings war das Rad dann nur noch schwer zu kontrollieren.“ Und im Fahrbericht des Elite Magnus Carbon wurde der hauseigene Sattel zur „Kunstledercouch“ erklärt, auf der Athleten mit Taubheitsgefühlen „wohl leider auch […] einnicken“ würden. Möbelkritik im Radtest – große Schule.

Lars Teutenberg auf der Radrennbahn von Büttgen.

ispo: Das erste komplette Trainingssystem der Welt

Auf der ispo bekam der Triathlon erstmals eine eigene „Transition Area“, und die Industrie feuerte Superlative ab: Look versprach „Karbon-Nanotechnologie“, der Fraunhofer-Zeitfahrhelm „movaero“ kam aus der Forschung, und Polar kündigte mit adidas „das erste komplette Trainingssystem der Welt“ an – ein Shirt mit textilem Sensor, auf das man die Sendeeinheit klickte: „Damit misst du deine Herzfrequenz auch ohne Brustgurt.“ Das Prinzip hat sich durchgesetzt, nur das Shirt nicht. Derweil verordnete der September-Trainingsplan des Hefts nach dem Saisonhöhepunkt „30-60 Minuten Inliner, Fußball, Basketball“ sowie die Einheit „Rad 1 Std. Rekom, 3×1 Min. GA2 + Weltcup Herrenrennen anfeuern“. Anfeuern als Trainingsinhalt – Periodisierung mit Herz.

Service: Müsli vom Meister, Diagnostik mit Ansage

In der Küche blieb es bodenständig: Normann Stadler verriet sein Bircher-Benner-Müsli – 250 Gramm Naturjogurt, fünf Esslöffel Getreideflocken, ein Apfel. „Das Rezept habe ich mal von einer Verwandten bekommen. Es schmeckt lecker und ich fühle mich danach super.“ Sporternährung 2006: keine Periodisierungs-App, eine Verwandte genügte. Im Leistungsdiagnostik-Forum wiederum beschied der DTU-Diagnosetrainer einem 40-jährigen Hobbytriathleten kurzerhand: „Ich denke, eine Leistungsdiagnostik ist für Sie nicht sinnvoll, da bei Ihnen eindeutig der Spaß und weniger der Leistungsgedanke im Vordergrund steht.“ Ein Satz, der heute vermutlich ein Geschäftsmodell zum Einsturz brächte. Und der Eisen-Artikel der Sportmedizin wusste: Eisen nehme man auch „mit dem Wasser […], in das es über die eisenhaltigen Leitungen kommt“. Die Leitung als Supplement – auch das eine Form von Grundversorgung.

Kleinanzeigen, Bauernwurst und eine pikante Quizfrage

Die Fundstücke am Heftrand: In der „Wechselzone“ suchte Startnummer 486 per Annonce ihren beim Schliersee „versehentlich mitgenommenen“ Neoprenanzug, ein anderer Inserent verkaufte sein Material „wegen Aufgabe des Triathlonsports“ – erreichbar unter der stilsicheren Adresse „999@alpenjodel.de“. Der Triathlon in Hersbruck vermeldete stolz: „Die Firma ‚Thalheimer Bauernwurst‘ Deuerlein GmbH stellt unseren Teilnehmern nach dem Wettkampf Duschen zur Verfügung.“ Und das Gewinnspiel fragte, Ironie der Zeitgeschichte, nach dem Sieger des letzten Tour-Zeitfahrens 2006 – die korrekte Antwort lautete ausgerechnet: Floyd Landis. Immerhin: Zu gewinnen gab es ein Rahmenset. Dazu kündigte der Verlag an, ab 2007 „jährlich 16 triathlon-Ausgaben“ zu drucken – vom „spröden Verbandsorgan hin zu einer hochwertigen Special-Interest-Zeitschrift“. Wir können bestätigen: Der Plan ging auf.

Fazit: Wohngemeinschaft, Watt & Wetterfrösche

Die triathlon 49 ist ein Heft der Gegensätze: ein Dopingsommer, der nachdenklich machte, und daneben eine WG in Saarbrücken, in der die Zukunft des Sports Kochbücher hortete. Ein U23-Meister, der sich selbst nicht auf der Rechnung hatte, ein Spanier auf dem Leihrad und ein Wetterfrosch namens Kalli Nottrodt, der schon damals wusste: „Wer in Frankfurt schon an seine Grenzen gestoßen ist, der wird sich in Kona ordentlich wundern.“ Wer damals dabei war, wird sich erinnern. Wer heute liest, wird schmunzeln. Und beides ist absolut legitim.

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Frank Wechsel
Frank Wechselhttps://tri-mag.de
Frank Wechsel ist Publisher der Medienmarken SWIM und triathlon. Schon während seines Medizinstudiums gründete er im Oktober 2000 zusammen mit Silke Insel den spomedis-Verlag. Frank Wechsel ist 15-facher Langdistanz-Finisher im Triathlon – 1996 absolvierte er erfolgreich den Ironman auf Hawaii.

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