Erkner, Leipzig, Kraichgau, Duisburg: Vier Ironman-70.3-Rennen stehen aktuell im deutschen Kalender. Doch die Mitteldistanz des Branchenriesen war hierzulande von Anfang an ein ständiges Kommen und Gehen: mal Neugründung auf der grünen Wiese, mal Übernahme eines etablierten Rennens, mal glanzvoller Dauerbrenner, mal Eintagsfliege. Wir erzählen die Geschichte.

Der Pionier: Wiesbaden
Am Anfang stand Wiesbaden. Von 2007 bis 2016 war der Ironman 70.3 Germany in der hessischen Landeshauptstadt das erste Rennen der Marke 70.3 in Deutschland überhaupt – eine Neugründung unter dem damals noch jungen Mitteldistanz-Label der World Triathlon Corporation. Die ersten beiden Austragungen organisierte die Xdream Sports & Events GmbH, die auch den Ironman Germany in Frankfurt verantwortete. Ab 2009 übernahm die WTC die Organisation selbst. Vermarktet wurde das Rennen über Jahre vollmundig als „European Championship“, auch wenn es sich nie um eine offizielle Europameisterschaft mit Qualifikationsnormen nach Verbandskriterien handelte. Nach der Austragung im August 2016 war Schluss: Am Raunheimer Waldsee, seit 2011 Schauplatz des Schwimmens, standen Bauarbeiten an, und eine geeignete Alternative für die Schwimmstrecke fand sich nicht.
Das Traditionsrennen: Kraichgau
Das dienstälteste der heutigen Rennen hat die wohl spannendste Vorgeschichte, denn es ist eine klassische Übernahme. Die Wurzeln reichen bis 2006 zum Kraichgau Triathlon-Festival zurück, aus dem von 2009 bis 2014 die Challenge Kraichgau als Teil der Challenge Family wurde. Ende 2013 kaufte die WTC den bisherigen Veranstalter und führte die Veranstaltung ab 2015 unter dem Namen Ironman 70.3 Kraichgau weiter – bei weitgehend unveränderter Strecke rund um Bad Schönborn. Seitdem ist das Rennen, das Heimrennen von Ex-Weltmeister Sebastian Kienle, eine feste Größe im Kalender; nur 2020 fiel es der Corona-Pandemie zum Opfer. Kraichgau ist damit das Rennen, das die gesamte wechselhafte Ironman-70.3-Ära in Deutschland überdauert hat.

Kurze Gastspiele: Berlin und Rügen
Zwischen Pionier und Gegenwart liegen zwei Rennen, die wieder verschwanden. 2013 gab es einmalig einen Ironman 70.3 Berlin, der zu großen Teilen über das ehemalige Flughafengelände des Tempelhofer Feldes führte – ein spektakulärer Schauplatz, aber ohne Fortsetzung. Von 2014 bis 2018 lud dann Binz auf Rügen zur Mitteldistanz an der Ostsee. Das Rennen war bei den Athletinnen und Athleten ausgesprochen beliebt, ließ sich vor Ort aber organisatorisch nur schwer dauerhaft durchsetzen und wurde nach fünf Ausgaben eingestellt.

Die neue Welle: Duisburg, Dresden, Erkner – und Leipzig
Nach dem Wiesbaden-Aus blieb Kraichgau einige Jahre das einzige deutsche 70.3 – bis Ironman ab 2019 kräftig expandierte. Der Ironman 70.3 Duisburg wurde im Oktober 2019 angekündigt, die für August 2020 geplante Premiere verschob sich pandemiebedingt, sodass das Rennen im Rhein-Ruhr-Revier erst 2022 erstmals über die Bühne ging. Es ist eine Neugründung und gehört bis heute zum Kalender.

Ebenfalls 2022 feierte der Ironman 70.3 Dresden seine Premiere. Das Rennen in der Barockstadt galt vielen jedoch als Enttäuschung, kämpfte mit der Streckenführung und blieb eine Eintagsfliege: Für 2023 sagte Ironman die Austragung ab – offiziell wegen des frühen WM-Termins und der schwierigen Terminfindung –, eine weitere Auflage folgte nicht. Dresden war damit das kürzeste Kapitel der jüngeren Geschichte.
Deutlich besser lief es für Erkner vor den Toren Berlins. Im Oktober 2021 angekündigt und erstmals im September 2022 ausgetragen, ist das Rennen am Dämeritzsee streng genommen keine komplette Neugründung, sondern eine Übernahme: Ironman führt es gemeinsam mit den Veranstaltern des früheren Erkner Triathlons weiter. Jüngster Neuzugang ist schließlich der Ironman 70.3 Leipzig, der 2026 seine gut aufgenommene Premiere erlebte und als Neugründung in die Ironman European Tour aufgenommen wurde.

Der Zeitstrahl: Wer kam, wer ging
Neugründung oder Übernahme? Ein Muster
Wer die Historie nebeneinanderlegt, erkennt ein Muster: Ironman ist in Deutschland beide Wege gegangen. Die großen Traditionsstandorte kamen per Übernahme ins Portfolio – Kraichgau aus der Challenge Family, Erkner aus dem gewachsenen Erkner Triathlon. Reine Neugründungen auf neuem Terrain – Wiesbaden, Berlin, Duisburg, Dresden, Leipzig – waren dagegen ein gemischtes Geschäft: Manche etablierten sich (Duisburg, Leipzig), andere verschwanden schnell wieder (Berlin, Dresden). Auffällig ist, dass ausgerechnet die Übernahmen bestehender Szene-Rennen die beständigsten Standorte hervorgebracht haben.
| Rennen | Zeitraum | Herkunft | Status |
|---|---|---|---|
| Wiesbaden | 2007–2016 | Neugründung | eingestellt |
| Berlin | 2013 | Neugründung (einmalig) | eingestellt |
| Rügen (Binz) | 2014–2018 | Neugründung | eingestellt |
| Kraichgau | seit 2015 | Übernahme (Challenge Kraichgau) | aktiv |
| Duisburg | seit 2022 | Neugründung | aktiv |
| Dresden | 2022 | Neugründung (einmalig) | eingestellt |
| Erkner | seit 2022 | Übernahme (Erkner Triathlon) | aktiv |
| Leipzig | seit 2026 | Neugründung | aktiv |
Ausblick: Ein fünftes Rennen?
Mit Kraichgau, Duisburg, Erkner und Leipzig ist der deutsche Ironman-70.3-Kalender so gut gefüllt wie seit Jahren nicht. Und er könnte noch voller werden: Deutschland ist ein lukrativer Markt für Ironman, eine Volldistanz am Ammersee für 2028 in der Diskussion. Auch für weitere Rennen unter der Marke Ironman 70.3 gibt es einen Markt, wie man an den immer schnelleren Ausbuchungen von Mitteldistanzen im ganzen Land sieht. Ob Neugründung oder erneut die Übernahme eines etablierten Rennens – die Geschichte der vergangenen zwei Jahrzehnte legt nahe, dass gerade Letzteres die besseren Chancen auf Beständigkeit hätte.


















