Vom Lang- zum Kurzdistanzler:
Wurfs Olympia-Versuch – bereichernd oder respektlos?

Cameron Wurfs erstes Weltcuprennen offenbarte direkt, dass sein Olympia-Quali-Versuch zum Scheitern verurteilt ist. Ist das Vorhaben trotzdem bereichernd für die Triathlonszene oder respektlos anderen Athleten und dem Niveau der Kurzdistanz gegenüber? Eine Analyse.

Die Olympischen Spiele haben für Sportler eine ganz besondere Anziehung. Mit wie viel Stolz eine Teilnahme die Athleten erfüllt, erkennt man nicht nur an den Erzählungen, die in nahezu allen Fällen mit freudestrahlenden Gesichtern und leuchtenden Augen verbunden sind, sondern auch an den Tattoos der Olympischen Ringe, die untermauern, dass schon die Teilnahme ein Erfolg und Erlebnis für die Ewigkeit ist. Diese Magie des größten Sportevents der Welt hat nun offensichtlich auch wieder Cameron Wurf eingeholt, der bereits 2004 in Athen als Ruderer im Leichtgewichts-Doppelzweier den 16. Platz bei den Olympischen Spielen belegte. Auf Wurf scheint allerdings eher das Motto „einmal ist keinmal“ zuzutreffen:  Nach seinem fünften Platz beim Ironman Hawaii 2019 und der drei Wochen zuvor erreichten Kona-Quali für das kommende Jahr, kündigte der 36-Jährige an, 2020 in Tokio als Triathlet zu den Spielen zurückkehren zu wollen. Ein – in typischer Wurf-Art – etwas flapsig formulierter Versuch, bei dem man im ersten Moment nicht weiß, ob man ihn wirklich ernst nehmen soll. Wurfs Zusatzbemerkung: „Im schlimmsten Fall scheitere ich, aber schwimme danach hoffentlich deutlich schneller als vorher, was mir auch auf Hawaii helfen würde“, ließ schon erahnen, dass er von einem erfolgreichen Ausgang des Projektes „Olympia-Quali“ auch selbst nicht ganz überzeugt ist. 

Dass die weltbesten Kurzdistanzler auf die Mittel- oder Langstrecke gehen und auf Anhieb zu den erfolgreichsten Athleten gehören, ist mittlerweile keine Seltenheit mehr und aufgrund der Anforderungsprofile der Distanzen auch keine große Überraschung. Umgekehrt ist das schon schwieriger. Selbst für Athleten, die zuvor auf der Kurzdistanz erfolgreich waren und nach einiger Zeit noch einmal auf der Langstrecke zurückkehren wollen, ist es nahezu unmöglich, wieder auf Weltklasse-Niveau zu kommen oder überhaupt konkurrenzfähig zu sein. Ein prominentes Beispiel dafür ist Chris McCormack, der 2011, ein Jahr nach seinem zweiten Hawaii-Sieg, das Ziel äußerte, sich für die Olympischen Spiele 2012 qualifizieren zu wollen – und daran scheiterte. Mit Platzierungen zwischen Rang 26 und 34 bei den ITU-Rennen ging McCormack allerdings nicht sang- und klanglos unter. Es bestand eine reelle Chance. Anders sieht es bei Cameron Wurf aus, wie spätestens seine ITU-Premiere am vergangenen Wochenende zeigte.

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Mutig, unterhaltsam oder respektlos?

Wurf ist ein Mann der großen Worte (und Social-Media-Kommentare), der im Normalfall allerdings auch Taten folgen lässt. Dieses Mal dauerte es nur drei Wochen, bis Wurf nach seiner Olympia-Ansage ernst machte und bei seinem ersten Weltcup-Rennen in Santo Domingo (Dominikanische Republik) über die olympische Distanz am Start stand. Platz 47 von 48 Finishern, deutliche Zeitverluste in allen Disziplinen und 11:11 Minuten Rückstand hinter Sieger Matthew McElroy offenbaren allerdings, was vorher absehbar war: Wurf spielt – auch schon auf Weltcup- und nicht erst auf WTS-Ebene – mindestens drei Ligen unter der Kurzdistanz-Konkurrenz und sollten seine Olympia-Träume tatsächlich aus einer inneren Überzeugung und nicht nur aus Motivationsgründen gekommen sein, wurden sie bereits jetzt im Keim erstickt. Ob Wurf wirklich von der Leistungsdichte des Rennens enorm überrascht wurde und sich im Vorfeld insgeheim deutlich mehr zugetraut hätte, oder ob er das Resultat in dieser Deutlichkeit bereits vorher hat kommen sehen, lässt sich nur erahnen. Trotz des Ergebnisses bei seiner Premiere will der 36-Jährige dem geplanten Kurzdistanz-Experiment treu bleiben und 2020 weitere ITU-Rennen bestreiten.

Ist es nun äußerst mutig von Wurf, das Risiko einzugehen, auf der neuen Distanz (eventuell in den kommenden Monaten regelmäßig) vorgeführt zu werden oder sogar anmaßend und respektlos allen Kurzdistanzlern gegenüber, wie es Ex-Triathlonprofi Jan Raphael zuletzt unter einem unserer Beiträge in den Raum stellte: „Mag ja vielleicht für viele interessant sein, wenn ein Sportler wie Wurf die Klappe so aufreißt. Ich finde es eher respektlos oder ein Zeichen dafür, dass er keine Ahnung von der Kurzstrecke hat. Wenn er Glück hat, dann hat er das Niveau der 2. Triathlon Bundesliga“, hieß es von Raphael.

Respektlos? Das kann man durchaus so sehen. Den Topathleten gegenüber, weil Wurf mit seinem ausgesprochenen Qualiversuch impliziert, auf deren Niveau durchaus konkurrenzfähig sein zu können, den Athleten gegenüber, die trotz deutlich stärkerer Leistungen die Olympia-Quali nicht schaffen (werden) oder denjenigen Profis, die ihr ganzes Leben nach dem Sport ausrichten und trotz besserer Leistung gar nicht erst die Gelegenheit bekommen, bei einigen Weltcuprennen zu starten. Da maximal drei Athleten pro Nation zu den Olympischen Spielen fahren können, sagt Wurf damit auch, dass er von Jacob Birtwhistle, Ryan Bailie, Aaron Royle, Ryan Fisher, Matthew Hauser, Brandon Copeland und Luke Willian mindestens fünf verdrängen will – ausgeschlossen. Ob sich seine neuen Kurzdistanz-Konkurrenten aber wirklich daran stören? Es scheint so, als wenn viele von ihnen mit einem Schmunzeln darüberstehen würden.

Nein, diese Ansage von Wurf ist ganz bestimmt nicht despektierlich gemeint und soll mit Sicherheit in erster Linie dazu dienen, sich im Training zu pushen und dabei das größtmögliche Ziel als Orientierung zu haben. Und ja, diese Ansagen von Wurf sind meist äußerst unterhaltsam und beleben die Szene. Aber tun sie das bei Kurzdistanzrennen auch, wenn Wurf von Beginn an so weit abgeschlagen ist, dass er in der Übertragung gar nicht stattfindet, keinerlei Einfluss auf das Rennen nehmen kann und durch das einsame Hinterherfahren sogar bei seiner Paradedisziplin Zeit verliert? Wohl kaum. Spektakulär wäre es sicherlich, wenn Wurf auch nur ansatzweise mitmischen oder auf dem Rad vielleicht auch mal Akzente setzen könnte.

ITU Media / Tommy Zaferes Die knapp 40 Kilometer bei seiner Paradedisziplin absolviert Wurf alleine und verliert rund drei weitere Minuten auf die Spitzengruppe.

Eine Frage der Formulierung

Im besten Fall trägt Cameron Wurfs Projekt dazu bei, dass der eine oder andere etwas mehr sich für die Kurzdistanz begeistert oder sich für den Ausgang seines Rennens interessiert. Aber streng genommen sollte man es – gerade bei einer so starken Kurzdistanznation wie Australien – mit den Athleten so halten wie sonst auch – und nur diejenigen überhaupt antreten lassen, die auch konkurrenzfähig sind und sich dieses Privileg über die entsprechenden Resultate verdient haben. Inwiefern Wurf deshalb zukünftig überhaupt die Chance bekommen wird, die geplanten oder gewünschten Starts anzutreten, ist teilweise noch ungewiss.

Hätte Wurf seinen kurzfristigen Umstieg mit den Worten angekündigt „sich auf der Kurzstrecke mal ausprobieren zu wollen“ anstatt gleich einen Olympia-Quali-Versuch in den Raum zu werfen, hätte das sicherlich eine andere Wirkung gehabt, zeitgleich deutlich weniger Erwartungen und Druck aufgebaut – aber eben auch weniger polarisiert und weniger Aufsehen erregt. Vorsichtig ist eben nicht Wurfs Style – und das ist auch gut so. Aber seine sonstigen Kampfansagen und Ziele – wie die nach dem Hawaii-Sieg – sind meist gewagt, etwas provokativ, definitiv mutig, wurden schon häufiger belächelt, aber waren eines bisher noch nie: komplett aussichtslos.

Und auch wenn die Zeit von wenigen Monaten kaum ausreichen dürfte, um eine signifikante und ausreichende Verbesserung der Kurzdistanzfähigkeiten zu entwickeln, ist es zumindest spannend, was von dem Versuch am Ende übrigbleibt, wenn Wurf im nächsten Oktober auf Hawaii auf seine Wohlfühldistanz zurückkehrt.

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1 Kommentar
  1. sport845

    Die knapp 40 Kilometer bei seiner Paradedisziplin absolviert Wurf alleine und verliert rund drei weitere Minuten auf die Spitzengruppe.
    Wie auch sonst?

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